{"id":3951,"date":"2019-05-17T08:28:15","date_gmt":"2019-05-17T06:28:15","guid":{"rendered":"https:\/\/marinacarobbio.ch\/?p=3951"},"modified":"2019-05-17T08:29:52","modified_gmt":"2019-05-17T06:29:52","slug":"sbk-kongress-rede","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/marinacarobbio.ch\/de\/2019\/05\/17\/sbk-kongress-rede\/","title":{"rendered":"SBK Kongress &#8211; Rede"},"content":{"rendered":"<p><strong>Ich durfte eine Rede auf dem Jahreskongress des Schweizer Berufsverband der Pflegefachfrauen und Pflegefachm\u00e4nner SBK &#8211; ASI halten:\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>Gesch\u00e4tzte Damen und Herren<\/p>\n<p>Zuerst m\u00f6chte ich mich herzlich f\u00fcr die Einladung zu Ihrem Kongress bedanken. Da ich \u00c4rztin bin, stand Gesundheitspolitik schon immer im Mittelpunkt meiner politischen Arbeit. Ich freue mich daher sehr, hier und heute \u00fcber die Herausforderungen sprechen zu d\u00fcrfen, die in den n\u00e4chsten Jahren auf die Pflege und auf das Schweizer Gesundheitssystem zukommen, vor allem aber auch die Meinung der Expertinnen und Experten dazu zu h\u00f6ren. Wir leben in einer Zeit, in der verschiedene Entwicklungen unser Gesundheitssystem unter immer gr\u00f6sseren Druck setzen. Erstens die Alterung der Bev\u00f6lkerung: Das Bundesamt f\u00fcr Statistik geht davon aus, dass in den n\u00e4chsten dreissig Jahren die Zahl der Menschen im Pensionsalter in allen Kantonen um durchschnittlich 50\u00a0Prozent ansteigen wird. Diese demografische Entwicklung hat direkte Auswirkungen auf die H\u00e4ufigkeit verschiedener Arten von Krankheiten. So werden beispielsweise die chronischen Erkrankungen zunehmen. Wie auch der Nationale Gesundheitsbericht des Bundes unterstreicht, stellen chronische Krankheiten wie Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs und Demenz eine wachsende Herausforderung f\u00fcr das Schweizer Gesundheitssystem dar. Ihre Zunahme ist die negative Folge einer langfristigen Entwicklung: Der Lebensstil der Bev\u00f6lkerung hat sich im Laufe der Zeit deutlich gewandelt. Diese Ver\u00e4nderungen betreffen fast alle Lebensbereiche wie Arbeit, Mobilit\u00e4t, Wohnsituation, Ern\u00e4hrungsgewohnheiten und Freizeit. Parallel dazu steigt die Lebenserwartung und altert die Babyboomer-Generation \u2013 dies sind die Gr\u00fcnde, weshalb es immer mehr alte und chronisch kranke Menschen gibt. Sch\u00e4tzungen zufolge werden in Zukunft 80 Prozent der Gesundheitsleistungen weltweit f\u00fcr Menschen mit chronischen Erkrankungen erbracht. K\u00fcnftig wird es also zu einer Schwerpunktverlagerung von Behandlungen im Akutbereich hin zur Pflege von Langzeitkranken und chronisch erkrankten Personen kommen. Hinzu kommt noch eine weitere Entwicklung, welche problematisch werden k\u00f6nnte. Ich zitiere aus dem Positionspapier \u00abPerspektive 2020\u00bb des SBK: \u00abZurzeit werden die meisten pflegebed\u00fcrftigen Menschen \u2013 in der Regel durch Familienangeh\u00f6rige \u2013 zu Hause versorgt. Die Ver\u00e4nderung der Lebensweisen und Beziehungsformen mit beispielsweise mehr Alleinstehenden und mehr berufst\u00e4tigen Frauen und M\u00e4nnern wird die oben genannte Versorgungsart f\u00fcr eine wachsende Anzahl pflegebed\u00fcrftiger Personen \u2013 sei es kurz oder langfristig \u2013 vor Probleme stellen respektive die Nachfrage nach professionellen Pflege- und Betreuungsdienstleistungen ansteigen lassen\u00bb. Zitat Ende. Care-Arbeit ist vorwiegend Frauenarbeit: Nach wie vor leisten Frauen den Grossteil der Betreuungsarbeit in der Familie und mit betagten Menschen. Die Frauen sind von den negativen Konsequenzen der Care-Arbeit st\u00e4rker betroffen als M\u00e4nner. Berechnungen gehen davon aus, dass 81 Prozent der Care-Arbeit unbezahlt geleistet wird, wovon 63 Prozent von Frauen geleistet wird. Dies entspricht 7,25 Milliarden Arbeitsstunden oder 1,2 Millionen Vollzeitstellen. Einerseits leisten die Frauen Grossteil der unbezahlte Arbeit. Gleichzeitig sind Pflegeberufe immer noch haupts\u00e4chlich weiblich. In diesem Frauenjahr sollten wir deshalb auch denken, was dies bedeutet: Care-Arbeit und die Frauenberufe- wie viele Pflegeberufe &#8211; sollen aufgewertet werden. Frauen- und selbstverst\u00e4ndlich auch M\u00e4nner, die diese Berufe w\u00e4hlen und aus\u00fcben sollten unterst\u00fctzt werden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Was die Alterung der Bev\u00f6lkerung betrifft, so wird in den n\u00e4chsten Jahrzehnten nicht nur die Zahl der chronisch Erkrankten, sondern auch diejenige der multimorbiden Personen massiv zunehmen. Wie bereits erw\u00e4hnt, ist das Schweizer Gesundheitssystem nur teilweise auf diese zunehmende Komplexit\u00e4t der Erkrankungen vorbereitet, war es doch bis anhin vor allem auf die Behandlung von Personen mit einer einzigen akuten Krankheit ausgerichtet.<\/p>\n<p>Diese verschiedenen Entwicklungen, die ich kurz beschrieben habe, verdeutlichen den Bedarf an integrierten Versorgungsmodellen, in denen die Rolle des Pflegepersonals st\u00e4rker anerkannt wird. Die Pflegefachpersonen m\u00fcssen aufgrund ihres Fachwissens auf die gleiche Stufe gestellt werden wie die anderen Fachpersonen im Gesundheitsbereich \u2013 \u00c4rztinnen und \u00c4rzte eingeschlossen. Selbstverst\u00e4ndlich jeder in seinem Kompetenzbereich. Ausserdem ist es wichtig, die menschliche Seite der Pflegearbeit anzuerkennen und aufzuwerten. Von den Fachpersonen hat das Pflegepersonal n\u00e4mlich den engsten Kontakt zu den Patientinnen und Patienten und baut mit diesen ein Vertrauensverh\u00e4ltnis auf, das erm\u00f6glicht, deren tats\u00e4chliche Bed\u00fcrfnisse zu verstehen. Das sogenannte \u00abCaring\u00bb ist ein zentraler Aspekt der Pflegearbeit. Menschlichkeit und medizinisches Fachwissen sind also zwei Dinge, die von grundlegender Bedeutung sind. Auch die Weltgesundheitsorganisation anerkennt schon seit Langem den wesentlichen Beitrag, den das Pflegepersonal zur Verbesserung der Volksgesundheit leistet. Ich zitiere aus der Strategie der Weltgesundheitsorganisation 2016\u20132020 zur St\u00e4rkung der Pflege und des Hebammenwesens: \u00ab<em>Nursing and midwifery professions can transform the way health actions are organized and how healthcare is delivered if they are regulated and well supported. The services they offer can also provide a rallying point for inter- and intradisciplinary health actions, which is a core of this report<\/em>\u00bb<em>. <\/em><\/p>\n<p>Allerdings gibt es noch sehr hierarchische Systeme, in denen der so wichtige Beruf der Pflegekraft nicht ausreichend wertgesch\u00e4tzt wird. Ein konkretes Beispiel sind die Diskussionen in der Gesundheitspolitik: Nur noch selten sitzen diese Fachkr\u00e4fte an den Tischen, an denen gesundheitspolitische Massnahmen beschlossen werden, und ihre Rolle <em>als Key Stakeholder<\/em> wird oft verkannt. Die Volksinitiative \u00abF\u00fcr eine starke Pflege\u00bb will indirekt auch dies \u00e4ndern. Sie l\u00f6st nicht nur das konkrete Problem des Pflegenotstands, indem sie f\u00fcr eine Aufwertung des Berufs, eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen und die F\u00f6rderung von integrierten Versorgungsmodellen sorgt, sondern hat auch den Vorteil, dass die Krankenpflegerinnen und Krankenpfleger unmittelbar in die politischen Entscheidungen eingebunden werden. Dies ist die Gelegenheit, sich bei Entscheidungen, die Sie, Ihre Arbeit, aber auch die Bev\u00f6lkerung betreffen, Geh\u00f6r zu verschaffen, meine sehr verehrten Damen und Herren. Denn die Pflege ist ein wesentlicher Bestandteil der Gesundheitsversorgung. Ohne Pflege und Pflegepersonal k\u00f6nnten die Ziele in der Gesundheitsversorgung nicht oder nur mit gr\u00f6sster M\u00fche erreicht werden, denn wie der Titel des Kongresses treffend lautet: \u00abPflege wirkt!\u00bb.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich erinnere mich noch an jenen Tag \u2013 es war der Morgen des 17. Januar 2017 \u2013, als die Volksinitiative des SBK , \u201ef\u00fcr eine starke Pflege\u201c vorgestellt wurde . An einer Pressekonferenz haben wir Alarm geschlagen: \u00abDer Mangel an qualifiziertem Pflegepersonal ist gravierend und die Quote der Personen, die aus dem Beruf aussteigen, ist enorm hoch. In Heimen, im ambulanten Bereich und in Spit\u00e4lern fehlt es an Fachpersonal. Die Politik muss handeln!\u00bb Die Initiative verpflichtet Bund und Kantone, in die Ausbildung im Pflegebereich zu investieren, die Rahmenbedingungen in der Praxis zu verbessern und die eigenverantwortliche Arbeit der Pflegefachpersonen gesetzlich anzuerkennen.<\/p>\n<p>Ein wichtiger Aspekt ist die Verbesserung der Arbeitsbedingungen im Pflegebereich. Wie ich zu Beginn meiner Rede gesagt habe, f\u00fchrt die Zunahme an Menschen mit chronischen Krankheiten und die Alterung der Bev\u00f6lkerung dazu, dass der Bedarf an Pflegeleistungen weiter ansteigen wird. Allerdings wird heute nicht einmal die H\u00e4lfte der in Zukunft ben\u00f6tigten Pflegefachpersonen ausgebildet. Selbst unter Ber\u00fccksichtigung aller Ausbildungsstufen sind es nur 56 Prozent. Deswegen ist eines der Ziele der Volksinitiative, den Pflegeberuf aufzuwerten. Zu attraktiven Arbeitsbedingungen geh\u00f6ren h\u00f6here Ausbildungsl\u00f6hne w\u00e4hrend der HF\/FH-Ausbildung, familienfreundliche Rahmenbedingungen, mehr Entscheidungsbefugnis sowie bessere Weiterbildungs- und Karrierem\u00f6glichkeiten.<\/p>\n<p>Der Entschied zur Lancierung dieser Initiative war langwierig. 2016 \u2013 ein Jahr vor der Lancierung \u2013 diskutierte die Kommission f\u00fcr soziale Sicherheit und Gesundheit des Nationalrates, der ich damals angeh\u00f6rte und der ich immer noch angeh\u00f6re \u2013 \u00fcber eine parlamentarische Initiative, die mehr Autonomie f\u00fcr Pflegefachpersonen verlangte. Bestimmte typische Pflegeleistungen sollten auch dann von den Krankenkassen \u00fcbernommen werden, wenn diese Leistungen nicht mit \u00e4rztlicher Unterschrift verordnet wurden.<\/p>\n<p>Ich setze mich stark f\u00fcr diese parlamentarische Initiative ein, da sie ein guter Vorschlag war. Ich bin \u00fcberzeugt, dass sie ein richtiger Schritt hin zu einem Gesundheitssystem ist, das tragf\u00e4hige integrierte Versorgungsmodelle vorsieht. Mit Versorgungsmodelle, in denen alle Fachpersonen ihre Aufgaben entsprechend ihren Kompetenzen erbringen k\u00f6nnen und eine echte interprofessionelle Zusammenarbeit stattfindet. Ein Gesundheitssystem also, das eine qualitativ hohe Versorgung f\u00fcr alle sicherstellt.<\/p>\n<p>Die Kommission verarbeitete einem Vorschlag. Zum einen sollte das Gesetz auf sechs Jahre befristet werden, zum anderen sollte es den Krankenkassen freigestellt werden, mit welchen Pflegefachpersonen sie einen Vertrag abschliessen. Dies f\u00fchrte dazu, dass auf dem Buckel der Pflegenden eine Grundsatzdiskussion \u00fcber die Aufhebung des Vertragszwanges lanciert wurde. Das Projekt scheiterte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wie gesagt bin ich nicht nur Politikerin, sondern auch \u00c4rztin. Ich weiss, dass die Pflege eine tragende S\u00e4ule der Gesundheitsversorgung ist. Aber diese S\u00e4ule ist am Br\u00f6ckeln: Zu wenig junge Leute ergreifen einen Beruf im Pflegebereich.<\/p>\n<p>Deshalb beschloss \u00a0\u00a0eurem Verband, der SBK , die Pflegeinitiative zu lancieren. Nach nur acht Monaten waren die n\u00f6tigen 120&#8217;000 Unterschriften gesammelt \u2013 ein Erfolg, der zeigt, dass die Bev\u00f6lkerung den Ernst der Lage und den dringenden Handlungsbedarf erkannt hat. Dank eurem Einsatz hat die zust\u00e4ndige Kommission des Nationalrates die vorherige Entscheidung im parlamentarischen Verfahren teilweise wieder korrigiert, indem sie einen indirekten Gegenentwurf auf Gesetzesebene zur Pflegeinitiative vorgeschlagen hat, der jetzt in bald in der Vernehmlassung sein wird. <strong>F\u00fcr eine St\u00e4rkung der Pflege \u2013 f\u00fcr mehr Patientensicherheit und mehr Pflegequalit\u00e4t\u00bb so heisst der Gegenentwurf<\/strong>, der ein Gesetz und drei Bundesbeschl\u00fcsse umfasst, sieht eine Ausbildungsoffensive und mehr Kompetenzen f\u00fcr das Pflegefachpersonal vor. In Sachen Ausbildung sollen die Kantone den Spit\u00e4lern, Pflegeheimen und Spitex-Organisationen vorgeben, wie viele Ausbildungspl\u00e4tze diese f\u00fcr Pflegefachpersonen der h\u00f6heren Fachschulen (HF) und der Fachhochschulen (FH) bereitstellen. Im Gegenzug sollen sich Bund und Kantone insbesondere an den ungedeckten Ausbildungskosten dieser Leistungserbringer beteiligen und die Ausbildungsl\u00f6hne der angehenden Pflegefachleute HF und FH aufbessern. Diese Entscheidung der nationalr\u00e4tliche Kommission und das Ergebnis der Demoscope-Umfrage, wonach 76 Prozent der Befragten die Initiative unterst\u00fctzen, sind ermutigende Zeichen f\u00fcr diesen schwierigen Weg, der vor uns liegt \u2013 ein schwieriger, aber notwendiger Weg, um die Pflegeberufe aufzuwerten. Lasst uns diese wertvolle und notwendige Arbeit zukunftssicher machen, indem wir ihr den Wert zuerkennen, der ihr zusteht, und f\u00fcr angemessene Bedingungen sorgen. Zum Abschluss zitiere ich noch einmal den offiziellen Titel des Kongresses \u2013 diesmal jedoch auf Franz\u00f6sisch: <em>\u00abPouvoir infirmier, en avant<\/em><em>!\u00bb. <\/em><\/p>\n<p>En termes d\u2019acc\u00e8s aux prestations de soins, mais aussi pour la gestion et l\u2019\u00e9volution des syst\u00e8mes de sant\u00e9 afin de relever les d\u00e9fis \u00e0 venir, le r\u00f4le des infirmi\u00e8res est central.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Grazie!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich durfte eine Rede auf dem Jahreskongress des Schweizer Berufsverband der Pflegefachfrauen und Pflegefachm\u00e4nner SBK &#8211; ASI halten:\u00a0 Gesch\u00e4tzte Damen und Herren Zuerst m\u00f6chte ich&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":3952,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[1],"tags":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v17.8 - https:\/\/yoast.com\/wordpress\/plugins\/seo\/ -->\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/marinacarobbio.ch\/de\/2019\/05\/17\/sbk-kongress-rede\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"SBK Kongress - Rede - Marina Carobbio Guscetti\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Ich durfte eine Rede auf dem Jahreskongress des Schweizer Berufsverband der Pflegefachfrauen und Pflegefachm\u00e4nner SBK &#8211; 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